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Regenspaziergang

In einem Moment, in dem gerade kein Regen vom Himmel fiel, hatten wir den Kleinen in
den Kinderwagen gesteckt und uns der Strömung der Straße überlassen. Jim war in
einer gnädigen Stimmung in dem sein Reich, durch das wir ihn kutschierten, sein
gelassenes Wohlgefallen fand. Nur zu Hunden drehte er manchmal seinen Kopf ein
wenig herum.
Wenn man sich so treiben lässt, bewegt man sich zugleich in zwei Gewässern. Zum
einen in den realen Straßen, mit realen Geschäften und Cafes. Zum anderen bewegt
man sich in den Fließgewohnheiten des eigenen Hirns: Nachmittags gehe ich diese
Straße auf der linken Seite, wegen der Sonne. Hier biege ich nur dann rechts ab, wenn
die Ampel auf rot steht...
Ich genieße es während so einem Spaziergang dem Fluss des Gewohnten
widerstandslos zu folgen, um mich dann, von einem kleinen Signal aus der äußeren
Welt, ganz aus dem gewohnten Geleise heben zu lassen.
Ein staubiges Elektrogeschäft, in das ich seit zwanzig Jahren nicht gegangen bin, lockt
mich mit einer seltsamen Aufschrift am Schaufenster – Und schon stehen wir drinnen,
riechen die stehende Luft um die Waschmaschinen und Knopfbatterien,
Espressomaschinendichtringe und Weltmeisterschaftsantennen.
Hinter dem durchgewetzten Tresen steht ein missmutiges Verkaufsreptil. Widerwillig
erklärt er uns die Bedeutung der Aufschrift: Groß, rund und blau steht die ins Auge
fallende „45“ für 45 Jahre, die dieses Geschäft bereits existiert. Klein und gelb mit
Tesafilm dahinter steht „+2“ und steht für weitere zwei Jahre, die seitdem verstrichen
sind.
Das ganze Werbeprojekt lässt sich aber erst in dem Umfeld verstehen in das man vor
dem Geschäft tritt: Dort fällt einem das Werbebanner des Lederwarengeschäfts
diagonal gegenüber auf der Kreuzung ins Auge: „75 Jahre Leder Israel“.
So viele Jahre. Wenn es zehn mal mehr Jahre sind und sie zieren Marmortafeln von
Palästen ist das ganze großartig und geht mich nichts an. So aber gruselt es mich. Wie
viele Jahre wohne ich jetzt schon hier? Wie viele Jahre steht jetzt schon das
zurückgebliebene Geburtstagsgeschenk zum 65sten meines Vaters bei uns im Keller?
Wie viele Jahrzehnte ist wohl schon die Fliese locker, auf der stehend ich morgens
Teewasser aufsetze? Als meine Eltern vor 30 Jahren hier einzogen war sie auf jeden
Fall schon nicht mehr fest. Also 30+.
Da tut es gut, dass es jetzt regnet. Es regnet wieder. Das tut es so beiläufig, so ohne
weiteres Ereignis, als hätte es in der Pause dazwischen eben so weiter geregnet nur
ohne Tropfen.
Die Kinderkarre fährt ihr eigenes Regendach aus. Cordula setzt ihre hübsche Kapuze
auf. Ich aber mache es wie der Asphalt, ich werde nass. Zuerst werden die Haare nass,
nach einer Weile dann die Kopfhaut, die Ohren. Es wird kalt am Kopf. Meine alte Jacke
saugt den Regen eher auf, als ihn abzuweisen. Der Pullover unter der Jacke und das
Hemd unter dem Pullover folgen diesem Beispiel. Die Schultern werden nass.Der Spaziergang ist schön. Auch die Welt bleibt unter solchen Bedingungen schön,
wenn die Begleitung so fein ist, wie meine gerade. Aber es ist zu kalt und zu nass. Ich
will nach hause. Der Regen wird stärker. Ich fühle ganz deutlich an Kopf, Kragen und
Schultern: Etwas läuft falsch. Selten, dass man körperlich so deutlich spürt das etwas
falsch läuft und kann es nicht ändern. Unsere Schritte werden schneller. Mir ist kalt.
Da sieht Cordula einen blauen „Südwester“ über eine wüst zerbrochene Telephonzelle
gehängt. Ich hatte den Regenhut auch schon gesehen, blickte aber lieber wieder zurück
auf den Gehweg. Aufzuschauen schien mehr Wasser in den Nacken zu leiten. Cordula
aber steuerte schnurstracks auf den Hut zu. Ein Seemannshut für die stürmische
Südwestpassage. Früher aus Ölzeug jetzt aus Polyester, mit breiter Krempe, die vorne
als Regenrinne umgeklappt wird und hinten lang über den Kragen abfällt.
Dieser Hut ist ganz neu, es hängen noch Markierungen vom Kauf daran. „Setz ihn auf“
sagt Cordula. Ich will wiedersprechen, aber wiedersprechen scheint mir mehr Wasser in
den Nacken zu leiten als wenn ich schweige. Ich setze den Hut auf und bin erstaunt.
Das Gefühl verbessert sich augenblicklich, als hätte ich ein Fenster bei Sturm
geschlossen. Mir scheint ich sitze im Trockenen, obwohl doch der Kopf schon ganz
nass ist! Vielleicht tritt hier eine Art Taucheranzugeffekt auf. Das Wasser zwischen
Anzug und Haut erwärmt sich. Das Gefühl von Nässe und Kälte weicht dem von
Geborgenheit und Fruchtblasenwärme. Das Schicksal hat auf wundersame Weise für
mich gesorgt, hat mich allerdings so nebenbei auch zum Dieb gemacht.
Meine Schritte werden also wieder langsamer. Cordula meint der Hut steht mir. Ich
genieße den Zustand, der sich über Kopf und Nacken ausbreitet. Nur die Schultern
fühlen sich noch falsch an.
Wenige Schritte vor unserem Haus kommen wir an der katholischen Kirche vorbei.
Dicht an der hohen, symmetrischen Backsteinfassade stehen, symmetrisch, als seinen
sie Teil der Architektur, zwei Polizisten. Gerade die neuen, amerikanischen Mützen mit
dem Strahlenkranz geben den Beiden eine lustige Mischung aus Heiligenfiguren und
frisch lackierten Gartenzwergen. Zwischen den Beiden und eben so eng an die
Kirchenmauer gedrängt, stehen etwa zehn bunte Vorschulkinder, die wahrscheinlich bei
besserem Wetter das überqueren von Straßen geübt hätten.
Im Vorübergehen mache ich Cordula auf die lustige Szene aufmerksam. Gerade als ich
zu den Polizisten hinüberdeute, ruft mich der Polizist an. „Haben sie ihren Hut
wiedergefunden, ja? Den habe ich gerade erst auf die zerbrochene Telephonzelle
gehängt.“
Ich erschrecke unter meiner Taucheranzugsmütze, da hat Cordula schon zurück
gewunken: „Ja, danke. Vielen Dank.“


Daniel Grolle

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