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Im Auge des Jaguars

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Wir waren schon seit einigen Wochen in Manaus und ich hatte mich daran gewöhnt, dass ich nur so lange schlafen konnte, wie die Hängematte noch pendelte. Stand sie still, wehte kein Wind mehr und das Rieseln der Schweißtropfen und ihr Plitschen auf
den Steinboden weckten mich immer wieder auf. Wir fanden kein Schiff, das uns ins verbotene Gebiet bringen konnte. Immer wieder gab es Gerüchte, liefen wir anderen seltsamen Gestalten nach, um in verschlammten Buchten auf morsche Kähne gebracht zu werden, auf denen angetrunkene Dummköpfe kaum ihren Namen kannten, geschweige denn das Ziel des Schiffes oder gar den Tag oder die Stunde der Abfahrt.
Irgendwann kam Rüdiger auf die Idee, wir sollten uns ein niedliches Tier als Maskottchen suchen, das wir filmen könnten, falls wir die Indianer nie erreichen sollten. Er hatte so schon einmal einen Film mit der Suche nach den verborgenen Indianern an den bayrischen Rundfunk verkauft. Auch damals schon hatte ihnen ein niedlicher Nasenbär als Filmdiva gedient. Statt Indianern sah man im Fernsehen dann ein Bärchen und dazu Text aus dem Off über die Tücken des Urwalds.
Auf diesem Weg jedenfalls gelangten wir in den Zoo der Urwaldarmee, der Truppe, die in den unendlichen Weiten der menschenleeren Wälder Grenzen überwachen sollte, die auf Landkarten existieren, im Wald selber aber mehr einem Wahn glichen. Schossen die Soldaten auf etwas Bewegtes, fielen tote Tiere aus den Bäumen. War das Tier eine Mutter und quiekte es im Gebüsch, dann nahmen die kindlichen Soldaten die kleinen Affen, Faultiere oder Jaguare zu sich in die Armee auf und
brachten sie schließlich hierher in den Soldatenzoo. Es lässt sich kaum ein elenderer Zoo denken als dieser. In winzigen Betonkäfigen lagen Wesen, die ihre Mütter verloren hatten und schließlich auch ihre niedliche Babygestalt und jetzt nur noch traurig und gefährlich waren. Der Durchhaltewille der Schöpfung lies sie nicht sterben.
Zwischen diesen Käfigen strich ich alleine herum. Mal schlief da ein Soldat mit Gewehr, in seiner Jacke zuckte ein kätzchengroßer Jaguar. Ganz hinten im Zoo gab es einen einzigen größeren Käfig. Er hatte eine Mauer als Brüstung in die ein Maschendraht eingelassen war, der etwas schlabberig nach oben gespannt war, dort über ein Metallgerüst lief und so auch den Himmel vergitterte. Der Käfig war groß genug, damit ein blendend schöner Jaguar seinen geduckten, gelangweilten Kraftgang auf und ab laufen konnte. Ich blieb fasziniert vor dem Tier stehen. Ich hörte das Knirschen des Sandes unter seinen sanften Tatzen. Die Tropensonne ließ den Beton glühen. Ich hätte nicht barfuss laufen können. Dass ich stehen blieb, änderte nichts an dem Auf und Ab des Raubtiers. Ich stellte mich vor die Brüstung. Der Jaguar und ich waren nur durch den dünnen Maschendraht
getrennt. Stille. Kein Mensch der uns gesehen hätte. Weiter trabte das Tier, als wenn es mich nicht gäbe. Der Nachmittagsregen stand bevor. Blei mischte sich in den Himmel. Schwer lastete der werdende Regen auf meinen Beinen, als müsste ich außer mir selbst auch noch das Wasser tragen, das sich himmelhoch über mir türmte. Ich legte meine Arme auf die Brüstung und schaute weiter zu dem schönen, traurigen Wesen.

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