30 Jahre Netzwerkgründung

Taiji habe ich begonnen, weil Christel mich fasziniert hat. Mich hat die Verbindung von Bewegung und Bedeutung interessiert, die Möglichkeit Bewegungen der Welt im eigenen Körper zu entdecken. Anstatt die Welt außen zu analysieren, darüber zu diskutieren und dagegen zu protestieren, konnte ich jetzt in mir spüren, loslassen und meine eigene Welt in mir selbst harmonisieren. Christel gab uns Laotse und den Daoismus zum Taiji dazu und ihre wilden Geschichten aus der weiten Welt.

Klassisches Taijiwissen dagegen hatten wir verschwindend wenig: Wie geht die Bewegung genau? Was ist ihre kampftechnische Bedeutung? Weder das Wort Prinzipien noch den Begriff Qi Gong kannte ich. Als ich dann begann auch bei anderen Lehrern zu lernen, staunte ich über die ungeheure Fülle an Künsten, Lehren und Meistern, die sich teils ergänzten, teils aber direkt wiedersprachen. Je öfter ich von strengen Chinesen hörte, dass ihr Taiji das einzig wahre sei und alles andere Taiji sei falsch, je öfter ich das hörte, um so deutlicher wurde mir: das wahre Taiji gibt es gar nicht. Es gibt nur unendlich viele verschiedene Wege und sie führen noch nicht einmal zum selben Ziel! Damit war klar: Taiji ist das, was Du selbst daraus machst.
 
Um Christel herum waren sehr interessante Leute: Künstler, Professoren, Ärzte, Filmemacher, Manager, Liebesabenteurer, erfahrene Kampfkünstler, Forscher, Puppenbauer, Phantasten, Mutige und Neugierige. Ich hatte die Idee, diesen verschiedenen Menschen, die von all diesen Richtungen aufs Taiji zugingen, einen Raum zu geben, in dem sie sich austauschen können, voneinander lernen, miteinander forschen. Ich wollte, dass wir uns das Taiji gegenseitig entdecken und uns durch uns selbst und unsere Verschiedenartigkeit bereichern und beglücken.
 
An einem warmen, sonnigen Morgen saß ich auf der breiten Brüstung meines Balkons und schrieb das „Manifest für die Assoziation zur Förderung des Taijiquan“. Darinnen standen 10 Regeln, die uns helfen sollten frei zu bleiben. Wir sollten keine Schule sein, keine Konkurrenz zu irgendetwas Bestehendem, sondern ein offener Verbund von Lernenden. Ich fand gleich ein paar Mitstreiter. Christel wünschte uns Glück, wollte aber selbst nicht mitwirken. Sie wollte unterrichten, reisen und das tun, was sie am liebsten tat und am besten konnte: Menschen begeistern, verzaubern und auf den Weg zur eigenen Selbstentdeckung führen. Sie gab uns aber unseren Namen: Das „Taiji Netzwerk!“
 
Die Netzwerker taten aber nicht, was ich mir erhofft hatte. Statt dessen diskutierten wir über die 10 Punkte auf dem Papier, schrieben sie um und erweiterten sie. Bei jedem unserer Treffen wurde die Liste länger. Die ersten Jahre war ich derjenige, bei dem die Fäden zusammen liefen, der die Orga für die werdende Gruppe machte… und damit das tat, was ich eigentlich gar nicht wollte. Ich selbst nahm mir damals vor, jeden, der in Hamburg Taiji unterrichtet, zu besuchen, um seinen Unterricht kennen zu lernen, um bei ihm zuhause mit ihm zu üben und mit ihm über das zu sprechen, was Taiji eigentlich sei. So wurde das Üben und Forschen eher mein privates Taiji Netzwerk, während unser gemeinsames „Taiji Netzwerk“ sich mehr und mehr zu einer Ständevertretung entwickelte.
 
Ich habe unsere damalige Gruppe schließlich zu einer Abstimmung darüber gebeten, ob wir in Zukunft einen konfuzianistischen Weg gehen wollen: organisieren, verwalten, ordnen, Einfluss nehmen, mein privater Übungspartner Wilhelm war der wichtigste Vertreter dieses Flügels… Oder ob wir meinen Wunschweg gehen, einen daoistischen: üben, spielen, lernen, austauschen. Das Ergebnis war eindeutig. Mit einem Verhältnis von 7 zu 3 entschied sich das Netzwerk dafür die Interessen der Taiji Übenden und Lehrenden organisatorisch zu vertreten und dagegen miteinander zu spielen und üben. Diese Abstimmung war richtungsweisend. Wir alle haben dieser Entscheidung viel zu verdanken, auch ich. Das Taiji Netzwerk hat seit dem sehr viel für die Freiheit der Lehre, für seine gesellschaftliche Anerkennung und für die Einbindung des Taiji in die heutige Berufswelt getan. Ich selbst habe mich nach dieser Abstimmung aus meiner aktiven Netzwerkarbeit zurück gezogen. Anfangs bekam ich noch viel mit, von den mühsamen Flügelkämpfen, dem zähen Ringen mit den Institutionen. Lange Jahre leitete Wilhelm die Gruppe, die schließlich ein Verein wurde.
 
Noch bevor ich Gudrun kennen lernte, hatte sie schon im Taiji Netzwerk wesentlich mitgearbeitet. Unter vielen anderen Aufgaben hat sie zusammen mit Sonja die Qilin Akademie ins Leben gerufen: die Netzwerk interne Fortbildungs Akademie. Den ersten Workshop, den diese Akademie veranstaltete, war ein Wochenende, in dem Gudrun mich einlud die Netzwerker zu unterrichten.
 
Zum 10 jährigen Bestehen des Netzwerkes gab es ein großes Fest. Das Netzwerk feierte sich selbst, seine Mitglieder und seine Gründerin: Christel Proksch. Das war irgendwie richtig, denn ohne Christel hätte es kein Taiji Netzwerk gegeben, aber irgendwie auch falsch. Christel hat die Bedingungen dafür geschaffen, dass ein Taiji Netzwerk entstehen konnte. Der eigentliche Begründer aber war eindeutig ich. Es hat mich verletzt, dass mir meine Vaterschaft aberkannt wurde. Ich bin stolz auf dieses große Werk, das ich auf den Weg gebracht habe. Ich kenne Menschen, die nicht wissen wer ihr Vater ist und die davon viel Unsicherheit in sich tragen. Ich hielt es schlicht für falsch die Gründerrolle ausgerechnet Christel zu übertragen, die ja ausdrücklich gegen eine Beteiligung an dem Projekt war. Mit Wilhelm, der damals den Netzwerkvorsitz hatte, habe ich sehr darüber gestritten. Er blieb aber unveränderbar bei seiner Entscheidung Christel als Gründerin zu führen. Nach außen war es mir unangenehm um meine Vaterschaft zu kämpfen und so bin ich 20 Jahre lang zweigleisig gefahren. Auf meiner Webseite habe ich mich selbst als Netzwerk Initiator genannt. Dem Taiji Netzwerk bin ich durch seine wandelnden Zeiten verbunden geblieben, habe aber meine Vaterschaft dort nicht mehr zum Thema gemacht.
 
In diesem Sommer ist das Taiji Netzwerk, das inzwischen "BVTQ-Das Netzerk" heißt, 30 Jahre alt geworden. In einem schönen  Kloster fand ein großes Treffen statt, ein gegenseitiges Unterrichten in Workshops, Diskussionsrunden, Feierlichkeiten, Schmaus, Tanz und Trank. Bei der zentralen Feierlichkeit erinnerte der jetzige Vorstand an alle großen Werke. Es sollten alle entscheidenden Mitwirkenden geehrt werden, und auf der Bühne zu den „8 Unsterblichen“ des Taiji Netzwerkes erklärt werden. (Die 8 Unsterblichen sind eine traditionelle chinesische Allegorie. Es sind die freien und nährenden Geister, die die Welt wie Säulen tragen und doch am liebsten ungesehen in den Wäldern ihrer Glückseligkeit folgen.)
 
„Und jetzt wollen wir einen ganz besonderen Menschen auf die Bühne bitten“ hieß dann plötzlich: „Daniel, Du hast unser Netzwerk gegründet. Komm doch bitte einmal nach vorne.“ Wie kann das sein?! Ich lief nach vorne, irgendwie benommen, staunend, glücklich, ein wenig beschämt und wieder staunend und stolz. Ja, es ist richtig, ich habe das Netzwerk gegründet. Ich bin sehr froh darüber, dass diese Vaterschaft – auf welchen Wegen auch immer – nach 3 Jahrzehnten wieder zu mir zurück gekommen ist. Vieles von dem, was ich innerhalb des Netzwerkes abgelehnt habe, war dennoch gut für mich und für meine Schüler.

Vieles von dem, was ich mir damals gewünscht habe, lebt heute in unserem  „Tai Chi Spielen“. Gudrun teilt meine Freude am Teilen und Netzwerken. Zugleich ist sie ein Bindeglied zwischen der Tai Chi Spielen internen Netzwerkerei mit dem Wiki und seinen vielen Gestalten und den Aktivitäten des Taiji Netzwerks und dessen gesellschaftlicher Entwicklung. Wenn Du selbst Vernetzungswünsche hast, die Du Dir innerhalb von „Tai Chi Spielen“ wünschst, melde Dich und ich bin sicher, dass sich da was machen lässt. Wenn Du Lust hast Dich im Taiji Netzwerk zu vernetzen oder sogar mit zu arbeiten… die freuen sich immer über helfenden Hände. Vielleicht freust Du Dich aber auch nur über all das Netzwerken, das um Dich herum stattfand und stattfindet und das unauffällig gute Bedingungen dafür schafft, dass Du für Dich lernen und üben und spielen kannst.
 
Liebe Grüße
Daniel