Lalita - Ein Reisebericht

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Festival Internacional de Tai Chi Chuan 5. bis 7. September 2003 in Lalita, Acebo (E)

Seit sieben Jahren treffen sich Tai Chi-Begeisterte aus verschiedenen Ländern in Westspanien nahe der Grenze zu Portugal einmal jährlich zu einem stimmungsvollen Austausch. Daniel Grolle-Moscovici war im vergangenen September zum ersten Mal dort und beschreibt die bunte Atmosphäre sowie die Ursprungsgeschichte des Treffens.

Etwas Einfaches vorweg. Lalita nennt sich ein Tai Chi-Treffen in Spanien. Ich war diesen Sommer dorthin eingeladen und habe eine der schönsten Wochen meines Lebens zugebracht. Bevor ich aber mehr zu dem Treffen schreibe, möchte ich ein paar Fäden aufnehmen, die zu diesem wunderbaren Tai Chi-Gewebe hinführen.

taiji_im_parkAuf dem ersten Cheng Man Ching Forum in Périgeux 2002 sprach mich ein eindrucksvoller spanischer Schnurrbart an, stellte sich als Enrique vor und wurde kurz darauf zu einem begeisterten Kind in meinem spontan zustande gekommenen Kinder-Tai Chi-Kurs. Dieser Enrique hat in seinen jungen, wilden Jahren zusammen mit seiner australischen Frau Glenda Asien bereist. 1988 sahen sie an einem Strand in Malaysia einen Mann seltsam anmutige Bewegungen ausführen: den Amerikaner Jay, der hier sein Tai Chi spielte, das er bei Cheng Man Ching persönlich, mehr aber bei dessen amerikanischen Schülern erlernt hatte. Jay fand sich bereit das Tramperpaar in die Geheimnisse seiner Kunst einzuweihen. Diese Tai Chi-Strand-Schule zog über zehn Jahre hinweg viele Reisende aus aller Welt an. Enrique und seine Frau reisten wieder zurück nach Spanien, hielten aber immer die Bindung zu ihrem Lehrer Jay.

In einem anderen schönen Teil der Erde wurde Philipe als Sohn reicher Immobilienbesitzer in Paris groß. Er widmete sein Leben in besonderer Weise seinem Reichtum. Er lebte lange in Tibet, lernte bei großen Meistern, arbeitete mit beim Bau von Klöstern, Schulen und Kindergärten und steckte zugleich seine Gelder in die von ihm mitbetriebenen Projekte. Auf seine alten Tage kaufte sich Philipe ein wunderschönes Tal in der Hochebene von Spanien, vier Autostunden westlich von Madrid, dicht zur Grenze nach Portugal. Das Tal trägt den Namen “Die heilige Mutter, die immer Wasser spendet” und ist durch die verschiedenen Jahrhunderte sowohl von Moslems, Christen und (als auch) Juden als heiliges Tal angesehen worden. Überall findet man kleine saubere Bäche, die das Tal sogar in den heißesten Sommern voll blühendem Grün erstrahlen lassen.

Philipe hatte lange genug tibetische Gebäude errichtet, um sich jetzt einen seltsamen Traum zu erfüllen. Er baute ein tibetisches Dorf aus seiner Phantasie in die wunderschöne spanische Wirklichkeit. Die ersten Gebäude waren einfache, aber solide Stoffzelte, die zum Teil noch heute stehen und in diesem Sommer zum Beispiel Lauren Smith und mir zum Schlafen und gemeinsamen Meditieren dienten. Inzwischen steht aber ein lockerer Dorfkern mit drei großen und mehreren kleinen Gebäuden, die den Kern des Seminarzentrums bilden. Weiter verstreut im Tal liegen noch viele andere Gebäude, für seine Familie und halb sesshafte Freunde wie (der) auch Enrique aus der Strandschule.
Ein großer Garten versorgt die Gemeinschaft mit vielem, was die sehr gute, vegetarische Küche auf die Teller bringt. Es gibt aber auch Kühe und ein frei laufendes Pferd streunte manchmal zwischen den Tai Chi-Spielern umher und hielt das Gras kurz.

Besagter Enrique hat den Aufbau dieses tibetischen Phantasiedorfes von Anfang an mit begleitet und kam irgendwann auf die Idee seinen Tai Chi-Lehrer Jay und dessen weltweit verstreute Strandschulen-Schüler hierher einzuladen. Das Treffen war aber zugleich für alle Tai Chi-Spieler offen, die den Austausch suchten. Das Dorf heißt Lalita und so auch das Treffen, das nun schon zum siebten Mal hier stattfand. Mit der Zeit hat sich Lalita wie ein Kristall um Enrique herum gebildet, der selber als Ingenieur in einem Kraftwerk arbeitet und gar nicht (so) viel Zeit für sein Tai Chi findet, aber ein so entwaffnend charmanter Mensch ist, dass inzwischen Tai Chi-Spieler aus ganz Spanien, Europa und der Welt zu Lalita kommen. Zum Kernwochenende waren etwa 80 Tai Chi-Spieler angereist, drei Viertel von ihnen Frauen. Zum Beispiel waren da eine ehemalige Judo-Europameisterin und der amtierende Kickbox-Champion Gino aus Portugal auf der Suche nach Weichheit. Eine Thangka-Restaurateurin aus Paris, ein Survival-Lehrer aus Mallorca ... Gezahlt haben nur 50 Personen. Die anderen waren Familie, Freunde und Helfer. Nach dem Wochenende blieben etwa 20 Spieler, um die anschließenden Tage noch länger mit einigen Lehrern zu arbeiten.
Philipe hat in diesem Dorf nicht nur seine Traumgebäude errichtet, sondern hier auch Raum geschaffen für seine Frauen, Kinder und Enkel, deren verwandtschaftliche Beziehungen sich erst nach einiger Zeit enträtseln ließen. Eine schöne englische Fotografin stellte sich mir als seine frühere Frau vor: “You know, he needs a new model every once in a while.” Das sagte sie ohne Bitternis, sondern freute sich sichtlich an dem bunten Treiben um ihren Verflossenen und wandte sich dann ihrem “new model” zu. Eine von Philipes Töchtern hatte drei Tage vor dem Fest ein Baby geboren. Daraufhin hatte Philipe einen ebenfalls mit Lalita verbundenen marokkanischen Sufi-Tänzer angerufen, der sofort in seinen englischen Doppeldeckerbus gestiegen war, seine muslimischen Ehefrauen und zahllosen Kinder eingeladen hatte und passend zu Lalita angebrummt kam. Er veranstaltete mit allen, die mochten, einen stundenlangen Sufi-Tanz, um das Neugeborene angemessen ins Leben zu geleiten.

Neben all diesem wilden Trubel gab es aber tatsächlich auch Tai Chi. Morgens vor Sonnenaufgang öffnete uns Lauren Smith die Gelenke mit Gähnen und Räkeln. Schon vor dem Frühstück weitete sich uns die Brust wie bei einem Ringer und sein talfüllendes Lachen scholl von unserem geschützten Übungsplatz gegen die weiten, karg bewachsenen Berge ringsum. Später bei den Workshops bekam jeder nicht spanische Lehrer einen Übersetzer zur Seite. Wir lernten von feiner Gelenkarbeit bei Jay über eine komplette Qigong-Form bei dem Schotten Bob Lowey und strengem chinesischen Unterricht, das Legen von Mandalas, meterweite Pushs bei Mario Napoli oder dem “Push Dance” in meinen Kursen ein weit gespanntes Spektrum von Tai Chi kennen.
Immer wieder begeisternd und aufregend neu war vor allem die Verbindung von Tai Chi und Poesie bei Linda Chase Broda. In Zweiergruppen gingen wir in die schöne Natur.
Einer spielte einen Teil seiner Form und “empfand sich” beim Tai Chi-Spielen. Der andere schaute zu und “empfand” beim Zuschauen. Nachher schrieben beide das Empfundene in wenigen Worten auf und machten daraus auch noch eine kleine Vorführung für die anderen. Ich war ganz überrascht, wie tiefgehend und poetisch fast alle Teilnehmer sogar die Bewegungen des anderen erlebt hatten. Es wird so viel von Gewichtsverlagerung und Gelenkverbindungen gesprochen, doch unausgesprochen schwingt offenbar in den Herzen der Spieler noch vieles mehr.

Der König der Herzen war der verrückte Italiener Mario, der sicher zu den besten Pushern gehört, denen ich je begegnet bin. Leider ist er in New York unangeschnallt in einen furchtbaren Autounfall geraten und seitdem weitgehend invalide. Diese Geschichte erzählte er mir in den blühendsten Farben auf dem Beifahrersitz des liebenswerten Enrique, der allerdings, sobald er am Steuer eines Autos sitzt, zum Kamikaze wird. Auch beim Erzählen seiner Unfallgeschichte war natürlich keiner von beiden angeschnallt.

Der eigentliche Höhepunkt aber war der Abend, als Bob Lowey seine alte Gitarre hervorholte und den Blues sowie eine eigentlich in Lalita verbotene Flasche schottischen Whisky hervorzauberte. Der englische Koch Marc, vom Klang der Lieder angelockt, holte seinen Bass und den Verstärker, die beiden nickten sich einmal zu und auf ging ‘s. Lauren trommelte auf Gläsern und Löffeln, Chai ging herum und schließlich entstand der “Lalita Blues”, zu dem jeder, der mochte, eine Strophe dazudichten konnte. Jedes Mal, wenn ein spanisches Lied erklang, warfen sich die gesamten Spanier in die Brust mit Flamenco-Klatschrhythmen und funkelnden Blicken, Löffel wurden zu Kastagnetten. Der Vollmond schien über unser spanisches Phantasie-Tibet. Gesang, Tanz und Push Hands verschmolzen, bis schließlich sogar die Hunde dazukamen und jedes langgezogene Uuh aus unseren Liedern mit Mondgeheul begleiteten. Lalita Uuh Lalita!

Daniel Grolle