Kopfzeile

257
In Memoriam

Christels eigenes Leben folgte der Freude am Teilen ohne Zögern. So nahm sie in der kleinen Wohnung, in der kaum Platz für Taiji und ihre eigene reduzierte Privatsphäre war, spontan eine chinesische Familie mit Kind auf, die dann für ein paar Jahre einen Raum mit ihr teilten, den sie selbst kaum hatte. Diese Familie, die verborgen vor den Augen ihrer Mitmenschen Taiji und Qi Gong praktiziert hatte, wurde durch den Kontakt zu Christel zu einer Lehrerfamilie, die bis heute die Taiji-Szene in Deutschland und Österreich mit prägt. Jim Bo, der Mann der Familie, begann bei Jan Silverstorf seinen Taijiweg, der mit seinem heutigen Lehrer den größten Taiji-Verband weltweit aufgebaut hat.

Bei Christels wöchentlichen Autofahrten zwischen Hamburg und Bremen sammelte sie ein trampendes, polnisches Tänzerpaar auf ihrem Weg nach Paris auf. Die Autofahrt mit Christel bewog die Beiden von ihren Paristräumereinen abzulassen. Sie wurden Christels eifrigste Schüler und wohnten wie viele andere in ihrem großen Haus in Bremen. Cashia, eine zierliche Frau, lernte später bei mir begeistert das Kämpfen und wurde dann von Ben Lo, einem direkten Cheng Man Ching Schüler als Ausnahmetalent entdeckt. Er komplimentierte sie zu sich in die USA, wo sie Push hands Champion in ihrer Gewichtsklasse wurde, später vom Taiji abkam und inzwischen als Gurina in Kalifornien lebt.

Auf einer Wanderung durchs Himalaja freundete sie sich mit einem tibetischen Sherpa an. Sie sprach kein Wort seiner Sprache, er keines der ihren. Trotzdem nahm Christel ihn, begeistert von der Reinheit seiner tibetischen Seele, mit nach Bremen. Dort erlitt er einen Kulturschock, verunglückte lebensbedrohlich und unversichert, gewann die Liebe einer Taijischülerin und führt inzwischen ein glückliches Leben in Bremen. Er war der treuste Besucher an Christels Bett der Stille im Altenpflegeheim.

Auf einer Fußwanderung durch ein Dorf, an einem abgelegenen See in den Bergen Taiwans, wurde sie auf einen Tee zu einer Tatamiflechterfamilie in deren Haus auf dem See eingeladen. Daraus wurde ein Projekt, dass noch bis in mein heutiges Leben wirkt: Die Familie flocht von dem Tag an Tatamis für Christel und schaffte sie mit dem Esel über den Berg zum nächsten Dorf mit Straßenanschluss. Ein Jahr später wurde ein Container beladen und von Christels gegründeter Importfirma nach Bremen verschifft. An einem der wenigen Wochenenden an denen Christel allein in ihrem Haus war, lud ein LKW diesen Container vor ihrer Haustüre ab. Der Fahrer teilte Christel mit, er würde den leeren Container einen Tag später wieder abholen. Meinen 16jährigen Sohn Benjamin hat Christel unter anderem dadurch beeindruckt, dass sie aufrecht unter seinem ausgestreckten Arm hindurch gehen konnte. Diese kleine Christel also schleppte eigenhändig einen vollen Container handgewobener massiver 180 x 90 cm Schilfrohrmatten in ihren Keller. Zwei dieser Tatamis schenkte sie später mir. Sie liegen heute noch bei jeder meiner Taijistunden in der Raummitte und dienen uns als Teetisch. In der Regel tragen zwei meiner Schüler so einen Tatami wieder zurück an die Wand, wenn der Unterricht beginnt.

jpanel suche

youtube

jpanel kalender

Jpanel

Kontakt

Tai Chi Schule Daniel Grolle
Eppendorferweg 64
D-20259 Hamburg

KONTAKTSEITE

Fancy Scroll Top