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Führen und Folgen

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Ich möchte hier über ein paar spezielle Aspekte des gemeinsamen Übens schreiben. Ich werde mich auf das Üben zu zweit beschränken. Für das Üben in Gruppen findest du ein paar Grundgedanken im Vorspann meines Buches. Ebenso beschränke ich mich in diesem Text auf das Führen und spare das Folgen zunächst aus.
Wenn du die Tai Chi-Form nicht alleine läufst, ergibt sich immer ein Führen und Folgen. In der Regel gibt es dann einen Lehrer und einen Schüler. Der Lehrer führt und der Schüler folgt. Das klingt einfach. Ich habe die Erfahrung gemacht, das die beiden Rollen gut ausgefüllt sehr beglückend wirken können, schlecht ausgefüllt aber zu Mühe und Unwohlsein führen. Hier also ein paar meiner Beobachtungen zu diesem Thema.

Das Führen:
Dein Führen beginnt damit, dass du ein Gefühl für den Raum haben solltest. Hier gibt es drei Raumebenen zu beachten:

1. Gute Richtung
Spielt ihr in einem vertrauten Raum, achtest du darauf die gewohnte Himmelsrichtung einzuhalten, auch wenn ihr ein Stück mitten aus der Form heraus übt. Das macht es deinem Schüler leichter die gelernten Bewegungen in seine eigene Form zu übertragen. Jede ungewohnte Ausrichtung im Raum stiftet unnötig Verwirrung.

2. Guter Platz
Du achtest darauf, dass ihr im Laufe eurer Bewegungen nicht gegen Wände oder Möbel stoßt. Schüler haben oft die Neigung einen möglichst "bescheidenen" Platz einzunehmen.
ZB. fast ganz hinten an der Wand. Wenn ihr euch aber nach "Süden" d.h. nach hinten wendet, fehlt dem Schüler der Raum für den Schritt. Jedes neu positionieren im Verlauf der Form stört den Fluss der Meditation.

3. Gute Sicht
Du achtest darauf, dass du eine günstige Position zu deinem Schüler einnimmst. Für den Anfang der Tai Chi -Form nach Cheng Man Ching bis zum "An", ich nenne es “die Welle“, stehst du am besten etwas rechts vor deinem Schüler. So hat er dich bei allen
Körperdrehungen vor sich im Blick. Würdest du statt dessen genau vor ihm stehen, kann er anfangs deine Hände nicht sehen und wenn sich die Bewegung nach "Osten" oder links wendet, stehst du neben oder sogar hinter ihm und er muss seinen Kopf verdrehen um dich noch zu sehen.


Du führst deinen Schüler auf zwei Ebenen.
Du führst ihn durch den Ablauf der Form, möglicherweise auch durch sichtbare Prinzipien in der Abfolge und du führst ihn mit deinem “Qi”.

Durch die Form führen:
Um deinen Schüler durch den Ablauf der Form zu führen, musst du die Qualität eines voran fahrenden Kolonnenfahrers haben.

Das Senden:
Deine Bewegungen sollten vorhersehbar und deutlich sein, sie sollten allmählich beginnen. Jeder Wechsel wird angekündigt. Ich habe in meinem Tai Chi Buch alle Tai Chi-Bewegungen in die drei Grundelemente: Schritt setzen, Gewicht verlagern und Drehung zerlegt. Wenn diese Grundelemente der Bewegung klar zu erkennen sind, ist es leicht für den Schüler zu folgen.
Meinen unterrichtenden Schülern bringe ich zusätzlich bei, die Bewegungen wie in der Pantomime überdeutlich zu beginnen. Dazu ist ein vorbereitendes, möglicherweise sogar hörbares einatmen, eine ausholende Geste und ein Rucken bei Beginn hilfreich. So lenkst du die Aufmerksamkeit der dir folgenden wie ein Kolonnenfahrer das tut, wenn er rechtzeitig den Blinker setzt. Wenn die Bewegung für deinen Schüler sehr neu ist, kannst du auch jeweils nach Beendigung eines Bewegungselementes eine kleine deutliche Pause setzen, in der der Körper gut sichtbar in seiner “Zielposition” einrastet. Als erfahrener Lehrer solltest du außerdem die Stellen kennen, an denen sich dein Schüler am wahrscheinlichsten verläuft. In meinem Tai Chi Buch findest du diese Stellen für die Cheng Man Ching Form deutlich herausgeschrieben.

Das Empfangen:
Du solltest mitbekommen ob dein Schüler dir folgen kann. Manchmal ist er noch so mit dem Stand beschäftigt, dass er noch nicht bereit ist deiner Bewegung zu folgen. Manchmal bleibt dein Schüler an einer Stelle hängen. Wenn du kannst verlangsamst du deine Bewegung dann so sehr, dass der Schüler wieder aufholen kann. Du solltest dabei aber deinen Bewegungsfluss möglichst nicht unterbrechen. Es kann auch sein, dass dein Schüler eine Bewegung plötzlich beschleunigt oder etwas überspringt. Auch hier möchtest du deinen Bewegungsfluss nicht unterbrechen, sondern so wie selbstverständlich wieder mit dem Schüler aufschließen. Ist gibt Momente wo du das gute Gefühl und den Fluss des Übens über die korrekte Ausführung der Form stellen solltest. Bei all dieser lauschenden Aufmerksamkeit auf deinen dir folgenden Schüler möchtest du das aber möglichst unauffällig tun. Wenn der Schüler spürt wie du auf ihn wartest oder zu ihm aufschließt führt ihn das weg aus seiner Meditation und er wird sich schämen oder versuchen sich von außen zu korrigieren. Vielmehr sollte der Schüler durch euer Zusammenspiel wie von selbst in einen stimmigen Ablauf geraten, den er dir zu verdanken hat, aber in sich selbst erlebt, um es von dort schließlich auch für sich allein zu gewinnen.

Mit dem Qi führen:
Ich möchte mich hier nicht über den Begriff Qi auslassen. Das Qi ist für uns ein Begriff, der unser Handwerk beschreibt. Wir wollen arbeiten und nicht definieren. Ich selbst habe es in meiner Tai Chi Laufbahn immer wieder erlebt, dass ich jemanden Tai Chi spielen sah und tief im Herzen angerührt war. Ich sah nicht etwa eine bestimmte Form mit soundsoviel Bildern, sondern einen  Menschen der sein Wesen und seine Erfahrung, seine  Liebe und seine Kunst in diesen Bewegungen zum Ausdruck brachte. Diese Anrührung kann stärken, kann weich machen, kann das Fürchten lehren oder die Erde spüren lassen. In jedem Fall hat Etwas mein Inneres erreicht wie ein Samenkorn, das ich in mir hüte und das oft erst Jahre später als ein eigenes Gefühl aus meinen Bewegungen wieder ans Tageslicht dringt. Diese Gabe, deinen Weg durch dein Tai Chi-Spiel einem Schüler zu öffnen ist etwas das mit den Jahren von selbst entsteht. Oft ist aber dieser innere Weg von Scham und Angst verstellt. Scham als Angeber da zu stehen und Angst einen Fehler machen zu können. Es ist schön sich während des eigenen Vorspiels auch bewusst zu sein das dir die Herzen der Menschen auf diesem stillen Weg folgen, wenn sie mögen und können. Steh dazu wenn du kannst.
Ausschlaggebend für dieses Führen durch Qi ist nicht die absolute Reife deines Tai Chi, sondern der ehrliche Weg, den du selbst damit gegangen bist. Alles Gespürte, Gelebte, Bewegte und Gelöste aus deinem Leben ist ein möglicher Weg für die, die dir nachgehen.

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